Faschismus - Versuch einer Definition
Der amerikanische Historiker Stanley Payne nennt als Charakteristika des Faschismus das Eintreten für eine idealistische, rassistische bzw. sozialdarwinistische Philosophie, das Ziel der Errichtung eines neuen nationalistischen, autoritären Staates, die permanente Aktivierung der Massen, eine streng hierarchische Gliederung sämtlicher gesellschaftlicher Institutionen und der Wirtschaft... Damit sollte mittelfristig eine expansive Außenpolitik ermöglicht werden, die letztlich auf die Schaffung eines Kolonialreiches und neuer Einflusssphären hinauslaufen sollte. In Stil und Auftreten der faschistischen Bewegung selbst, die über eine Massenbasis und eine eigene Parteimiliz verfügte, stehen die positive Bewertung von Gewalt und Krieg, die Verklärung der Jugendlichkeit und die extreme Betonung des maskulinen Prinzips im Vordergrund, desgleichen die quasi-religiöse Inszenierung von Versammlungen, Aufmärschen und Auftritten des jeweiligen "Führers".


Die wirkliche Crux aller Faschismus Definitionen stellen aber andere Fragen dar: Gegen welche Gesellschaftsgruppen richtete sich die faschistische Politik? Wer zählte zu ihren Profiteuren? Wer stellte die Massenbasis der faschistischen Bewegungen? Wie konnten die Faschisten an die Macht gelangen? In der Folge soll versucht werden, darauf Antwort zu geben.

 

Geschichte des Faschismus in Deutschland und Italien bis zur "Machtergreifung"

Als der Erste Weltkrieg endete, war vom Europa des Jahres 1914 weder in politischer noch sozialer, als auch ökonomischer und militärischer Sicht viel übrig. Die politischen und sozialen Umbrüche sind äußerst komplex und lassen sich nur sehr verkürzt darstellen: Der Horror der Schützengräben und das kriegsbedingte Elend führten zu einer breiten, radikalen Infragestellung bisheriger Herrschaftsstrukturen, soziale Umsturzversuche erhielten besonders durch das Beispiel des bolschewistischen Russland neuen Auftrieb, revolutionäre Zustände prägten die Jahre 1918 bis 1920 in vielen Nachfolgestaaten des Habsburgerreiches, aber auch in Deutschland und Italien wo es zu Massenstreiks, Hungerrevolten und regional begrenzten, kurzzeitigen Räterepubliken kam.


Ein Gutteil jener, die im Krieg geblutet, in den Fabriken geschuftet und jahrelang gehungert hatten, sah sich nach dem Krieg mit einer weiteren Verschlimmerung ihrer Lebensumstände konfrontiert. Zum einen machte sich dies in einer politischen Radikalisierung der Linken bemerkbar. Zum anderen aber auch in der Bildung von zig rechtsradikalen Vereinen, Freikorps und Parteien. Dort versammelten sich zunächst vor allem jene, die an materiellem oder sozialem Status eingebüßt hatten, bzw. derartiges befürchteten, als "Kleinbürgertum" zusammenfassbar. Auf Unterstützung konnten viele dieser Organisationen durch Unternehmer und Agrarier zählen, die in einer starken Rechten einen Hoffnungsschimmer gegen die revolutionäre organisierte ArbeiterInnenschaft sahen.


Allerdings wurden als "revolutionär" von diesen Gruppen keineswegs nur tatsächliche Umsturzversuche angesehen, sondern schon die "unverschämte Gier der Proletarier" (A. Krupp), womit Forderungen nach sozialer Absicherung gemeint waren. Dies ist wichtig, weil der Aufstieg des Faschismus nicht direkt in der revolutionären Situation der unmittelbaren Nachkriegszeit einsetzte, sondern zu einem Zeitpunkt, als sich das Kräfteverhältnis zwischen ArbeiterInnenschaft und Bürgertum bereits zugunsten des letzteren zu ändern begonnen hatte.

 

Wohl waren die Parteien der ArbeiterInnenschaft stark wie nie zuvor, aber von einer revolutionären Situation war spätestens 1921 sowohl in Deutschland als auch in Italien keine Rede mehr. Darauf allerdings wollten sich die, wie bürgerliche HistorikerInnen sagen würden: "traditionellen Eliten" nach dem Schock der stürmischen Nachkriegsjahre nicht verlassen. Otto Bauer hat in seiner Analyse des Faschismus zu Recht darauf hingewiesen, dass es ihnen zwar vor allem um die Revidierung dessen ging, was die ArbeiterInnenschaft bis dahin erreicht hatte, dass man sich aber letztlich auch keineswegs sicher war, ob die Linke nicht einfach auf demokratischem Wege die Macht im Staat übernehmen würde. Verschiedene Gegenmaßnahmen wurden erwogen, allerdings wäre etwa eine bloße Militärdiktatur schlicht zu schwach gewesen, um mit der ArbeiterInnenbewegung fertig zu werden.


Den Ausweg boten die Faschisten: Als einzige der Rechtsparteien verfügten sie über eine nennenswerte, stark radikalisierte Basis die - vom Staatsapparat bereitwillig geduldet - einen permanenten, gewaltsamen Zermürbungskrieg gegen die ArbeiterInnenbewegung führte. Darüber hinaus war die Ideologie der Faschisten in weiten Teilen ident mit dem, was in der herrschenden Klasse Deutschlands und Italiens bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Grundkonsens bezeichnet werden kann.

 

Alte Gedanken in der "neuen" Ideologie

Deutschland, Italien und Japan waren unter den Industriemächten "Spätentwickler": Als sie ihre volle militärische und wirtschaftliche Macht entfalteten, war die Welt bereits in Einflusssphären aufgeteilt, eine Neuordnung, so viel war klar, konnte nur militärisch durchgesetzt werden. Das wiederum war ebenfalls ein zentrales Ziel faschistischer Politik, und die nötige Aufrüstungs- und schließlich Kriegspolitik konnte nur Wirklichkeit werden, wenn die Macht der Linken in jeder Hinsicht gebrochen war. Hieraus erklären sich letztlich auch die Beweggründe der anderen Bündnispartner, die dem Faschismus zur Macht verhalfen: Das Militär hatte speziell in Deutschland im Gefolge des verlorenen Krieges den Großteil seines Einflusses verloren, ebenso der Beamtenapparat. Das Kleinbürgertum, das die Massenbasis der Faschistischen Parteien bildete, fürchtete einerseits die "rote Gefahr", andererseits sah es sich aber auch einem massiven ökonomischen Druck seitens des Großkapitals, der Banken und Konzerne, ausgesetzt und schenkte der faschistischen Propaganda bereitwillig Glauben, wonach der "unselige Klassenkampf" (von unten und oben) durch ein korporatives Wirtschaftssystem aufgehoben würde.

 

Nachdem die Nationalsozialisten 1923 mit einem Putsch gescheitert waren, änderten sie ihre Strategie: Die Demokraten sollten, mit den Worten Hitlers "in Wahlen überstimmt ... statt erschossen" werden. Um besonders in der ArbeiterInnenschaft zu punkten, verstärkten die Nationalsozialisten ihre antikapitalistische Agitation, proklamierten, als Gegenthese zum linken Sozialismus den rechten "nationalen Sozialismus". Von Mussolini war 1920 eine ähnliche Strategie ausgegeben worden. Und wie die Faschisten in Italien scheiterten auch die Nazis.


Nachdem sich - spät aber doch - große Wahlerfolge eingestellt hatten, setzte relativ bald darauf ein massiver Abschwung ein. Sowohl den Nazis als auch ihren Förderern war klar, dass die Chance, jemals die Macht zu erringen, vergeben würde, wenn nicht bald etwas geschähe. Und wie in Italien 1922 der König Mussolini, so beauftragte in Deutschland 1933 Reichspräsident Hindenburg nach massiven Interventionen aus Ökonomie, Beamtenschaft und Militär den Führer der NSDAP, Hitler, mit der Regierungsbildung.

 

Der Faschismus an der Macht

Es fehlt die Möglichkeit, hier näher auf die unterschiedlichen Aspekte faschistischer Politik nach der "Machtergreifung" einzugehen, sie sei deshalb nur in Grundzügen skizziert. Der Liquidierung der Linken Organisationen und Parteien folgte sowohl in Italien als auch in Deutschland zunächst die Eliminierung der innerparteilichen Gegner, besonders jener, die der pseudo-antikapitalistischen Propaganda der Faschisten geglaubt hatten und nach der "nationalen Revolution" auf die "soziale Revolution" pochten. Damit war der Weg frei, Politik gegen die Interessen der lohnabhängige Bevölkerung zu machen.


Durch die "Carta del Lavoro" bzw. das "Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" wurden Streiks verboten, Unternehmer mit militärischen Befugnissen gegenüber ihren Arbeitern ausgestattet und zu den "Führern" ihrer Betriebe ernannt, denen die "Gefolgschaft", d. h. die ArbeiterInnen unbedingten Gehorsam schuldeten. In Italien setzte die Regierung Mussolinis Lohnkürzungen bis zu 20% durch, innerhalb von fünf Jahren stieg die Arbeitslosigkeit auf über zehn Prozent, vier Jahre später war sie alleine in der Industrie dreimal so hoch. In manchen Regionen, etwa den Abbruzzen, wurde Anfang der 30er wieder gehungert.


In Deutschland hatte die Vervierfachung des Militäretats bis 1937 zur Folge, dass im selben Zeitraum die Sozialausgaben um mehr als 80 Prozent sanken, die Zahl der neu gebauten Wohnhäuser sich beinahe halbierte; Während die Reallöhne sanken, verdoppelten sich die Profite der Industrie und des Handels bis 1938 ,die Gewinne der großen Aktiengesellschaften betrugen 1936 mehr als das Dreifache von jenen des Jahres 1933, während die Lohn- und Gehaltssumme prozentual zum Volkseinkommen um fast zehn Prozent abnahm.


Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fand schließlich der zweite Anlauf zur Neuverteilung der Welt statt. Er endete mit über 54 Millionen Toten.

 

Interpretationen des Faschismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges

Nach 1945 wurde von verschiedenster Seite versucht, die vorangegangene Katastrophe und ihre Triebkräfte zu erklären. Waren die Deutschen und Italiener lediglich verführte, geblendete Völker? Waren die Führer der faschistischen Parteien dieser Länder, Hitler und Mussolini, ihre besondere "Ausstrahlung" und ihre rhetorischen Fähigkeiten der Grund dafür, dass sich der Faschismus ausgerechnet hier durchsetzen konnte, während er in anderen Ländern erfolglos blieb? War das Phänomen Faschismus aber vielleicht ohnehin nur ein Produkt der nationalen Besonderheiten und existierte außerhalb der Achse Berlin-Rom nicht?


Wie sah überhaupt die soziale Basis des Faschismus aus? War er - wie vor allem von kommunistischer Seite behauptet - schlicht die nackte Diktatur des Monopolkapitals, das sich von den revolutionären Arbeitern bedroht fühlte und zu diesem letzten Mittel griff? Oder bestand zwischen Faschismus und Kommunismus in letzter Konsequenz gar kein Unterschied, waren beide nur zwei Seiten einer Medaille, wie die Anhänger der heute vorherrschenden Totalitarismustheorie behaupten? Ist schlussendlich einem Teil, bzw. der ganzen Menschheit eine faschistische Neigung zueigen die unter gewissen Umständen plötzlich zum Vorschein kommt und aus biederen Familienvätern Massenmörder werden lässt?

 

Viele dieser Fragen betreffen letztlich auch die heutige politische Situation. Wenn man davon ausgeht, dass die Gefahr eines wiederaufkeimenden Faschismus nicht gebannt ist, ergeben sich daraus andere, ja möglicherweise diametral entgegengesetzte Handlungsanleitungen für die Gegenwart als dies für jene der Fall ist, die im Faschismus eine abgeschlossene Epoche der menschlichen Geschichte sehen. So ist es beispielsweise relativ nahe liegend für jemanden, der/ die im Faschismus eine Konsequenz von Krisen des kapitalistischen Systems sieht, dieses generell in Frage zu stellen.


Ist der Faschismus aber eine Bewegung der verführten Arbeiter, die lediglich einem Wahnsinnigen aufgesessen sind, der wiederum keine Interessen außer seine eigenen verfolgt hat, dann bleibt auf die Gegenwart bezogen eigentlich nur die Möglichkeit, sich entweder damit abzufinden, dass "sich Auschwitz wiederholen kann so lange es Menschen gibt" (Richard v. Weizsäcker) und deshalb dem Antifaschismus mangels Alternativen genüge getan ist, indem die Erinnerung an vergangenes Gräuel wach gehalten wird. Faschismustheorien betreffen also elementare Fragestellungen der Gegenwart, entsprechend erbittert werden sie verfochten und angegriffen.

 

Die Entstehung der meisten Faschismus-Theorien wäre nicht nachvollziehbar ohne den politischen Kontext. Zu Kriegsende waren sich sowohl die demokratischen Oppositionellen in Österreich und Deutschland, die aus den KZs und aus der Emigration zurückkehrten, als auch die Alliierten ziemlich einig, was die bestimmenden Faktoren des faschistischen Aufstiegs gewesen waren: In sämtlichen Parteiprogrammen, von den Kommunisten bis hin zu den Christlich-Sozialen wurde die Forderung erhoben, die Schlüsselstellungen der Wirtschaft einer demokratischen Kontrolle zu unterstellen, d. h. verstaatlichen, um zu verhindern, dass jemals wieder Industriekapitäne die politische Entwicklung derart maßgeblich beeinflussen könnten wie in den 20er und 30er Jahren. Auch die Alliierten sahen in den kapitalistischen Führungskreisen die Macher des Faschismus: Erstmals wurde gegen die führenden Köpfe der Wirtschaft einer besiegten Nation, gegen Konzernchefs wie Krupp und die Bosse der "Deutschen Bank" Anklage erhoben und Verantwortliche abgeurteilt.

 

Mit der Zuspitzung des Kalten Krieges änderte sich sowohl diese Politik als auch die Einschätzung des Faschismus grundlegend: Im Bestreben, aus Westdeutschland ein zuverlässiges antikommunistisches Bollwerk zu machen, war es nahe liegend, auf die alten Eliten zurückzugreifen und natürlich auch auf theoretischer Ebene zu verhindern, dass es zu einer breiten Auseinandersetzung mit den immanenten Gefahren des kapitalistischen Systems kam. Anhand der Faschismustheorie-Entwicklung ist dieser Trend klar nachvollziehbar: Keine Rede mehr von der Notwendigkeit, Sozialisierungen durchzuführen.


Die damals aufgekommenen Erklärungsmuster sparten nunmehr aus, was vorher allgemein anerkannt gewesen war: Dass der Faschismus keineswegs eine gänzlich irrationale Bewegung gewesen war; dass er, zumindest mittelfristig, durchaus klare Ziele wie die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen und die Planung und Durchführung eines imperialistischen Raubkrieges verfolgt hatte; dass er demzufolge auch im Interesse jener Bevölkerungsschichten gelegen hatte, die nun wieder an die Spitzen von Staat, Militär, Justiz und Wirtschaft zurückkehrten.


Statt sich der simplen Frage zu zuwenden, wem der Faschismus genützt, und wem er geschadet hat, wurde von nun an eine ungeheure Psychologisierung betrieben: Hitlers gestörtes Verhältnis zu Frauen, Hitlers Essgewohnheiten, Hitlers tragische Kindheit - all das, so scheint es, gibt mehr Aufschluss über die Faschistischen Verbrechen und ihre Profiteure als beispielsweise die Gewinne der deutschen Rüstungsindustriellen. Gleichzeitig wurden Totalitarismustheorien, die eine Wesensgleichheit von Faschismus und Realsozialismus konstruieren, verpflichtender Inhalt deutscher Lehrpläne und sind es zum Teil bis heute.


Anstatt näher auf diese Theorien einzugehen, sei ihnen folgendes Goebbels-Zitat entgegengestellt: "Man kann nicht ewig für Ideale kämpfen(...) Wir jedenfalls sind dieser Rolle überdrüssig. Wir wollen nun endlich einmal als Volk einkassieren." Das schrieb Joseph Goebbels im Mai 1942 . "Einkassiert" wurde fraglos: Im Jahr, als Goebbels besagten Artikel schrieb, war jede fünfte Reichsmark, die das Dritte Reich ausgab, den okkupierten Gebieten abgepresst. Angesichts der oben erwähnten Verteilung der Staatsausgaben ist allerdings durchaus die Frage angebracht, wer denn nun genau kassierte. Das "Volk" war es jedenfalls nicht.