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Dr. Herbert Hrachovec ist Professor am Institut für Philosophie an der Universität Wien und stellvertretender Institutsvorstand. Promotion 1971, Habilitation 1980.
In der Diskussion um das Universitätsgesetz 2002 fällt oft das Legitimierungsargument, dass das UOG 93 auch kritisiert wurde und sich letztendlich als funktionstüchtig erwiesen hat. Stimmt das? Das UOG 93 nahm sehr viele Dinge zurück, die 1975/76 als Durchbruch empfunden wurden. Das macht den Protest erklärlich. Die Auswirkungen der Reform in den 70igern waren unterschiedlich. Die Vorstellungen von weitgehender Drittelparität sind mit Begeisterung aufgenommen worden. Es gibt viele Gründe, die für das Universitätsgesetz von 75/76 sprechen.
An einigen Stellen war es aber keine geeignete Regelung. Das hängt mit den unterschiedlichen Motivationslagen der Studierenden in den verschiedenen Instituten zusammen. An manchen Fakultäten werden die Studierenden hauptsächlich dazu motiviert, sich systemkonform zu verhalten, um später Karriere zu machen, während an anderen Fakultäten die Motivation vieler Studierender der Wunsch nach aktiver Mitgestaltung war.
Heisst das, dass von den Studierenden mehr Initiative erwartet wurde? Ja, aber auch der Mittelbau hat sich in zwei Teile gespalten. Die einen haben die neuen Möglichkeiten genützt, um schnell in die Professorenkurie aufzusteigen. Die anderen wollten und konnten nun kooperativ gestalten, konnten aber nicht ihre Karriere fördern. D.h. es gab in den 90ern Reformbedarf. Die Kritik am UOG 93 war geprägt durch Nostalgie. Das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Veränderung war allerdings schon vorhanden.
Das UOG 93 war eine sinnvolle Kompromissbildung. Der Kompromiss liegt z.B. darin, das es viel größere Durchgriffsgewalt seitens der Institutsvorstände und der Dekane gibt. Diese wurden 1993 mit mehr Agenden ausgestattet. Sie sind aber rückgebunden an eine Wahl durch paritätisch besetzte Gremien an den Instituten und in den Fakultätsversammlungen. Die Entscheidungen können nun rascher getroffen werden, sind aber sozusagen demokratisch "ausweispflichtig".
Wie verhält es sich nun mit dem UOG 2002? Die Auswirkungen des UOG 93 wurden überhaupt nicht evaluiert. Es wird hier nicht gefragt, was verbesserungswürdig ist. Das augenblicklich diskutierte Gesetz ist keine Reform, sondern freundlich formuliert, ein Umbau. Es wird hier nicht einmal versucht, das was in den letzten 25 Jahren passiert ist, zu verbessern.
Stehen wir jetzt in der Bildungspolitik wieder vor einem Paradigmenwechsel? Man/frau darf hier nicht zu parteilich werden und muss daran erinnern, dass Herta Firnberg in den 70igern per Dekret die Ordinarienuniversität abgeschafft hat. Es wurden die Leute in den Hintergrund gedrängt, die lange Zeit auf autoritäre Art die Universität leiteten. Für diese Leute gibt es jetzt - vereinfacht gesagt - die Gelegenheit zur Revanche.
In der "Firnberg-Zeit" herrschte eine Gesprächs- und Organisationskultur, die einen Mobilisierungsfaktor für breite Kreise der Universität darstellte. Die Motive für die ordentlichen Professoren sanken, da sie ihre Ziele nicht mehr so leicht durchsetzen konnten. Vor 75/76 war die Kreativität der Professoren um den Preis der Nicht-Kreativität einer vergleichsweise sehr hohen Anzahl von zunehmend qualifizierteren MitarbeiterInnen erkauft.
Die Chancen der MitarbeiterInnen, die nicht ganz oben auf der Pyramide waren, sind in den 70igern stark gestiegen. Dies ergab z.B. in der Fakultät der Human- und Sozialwissenschaften ein experimentelles und vielfältiges Muster an wissenschaftlicher Tätigkeit verbunden mit der Vorstellung, dass Leute, die sich wissenschaftlich qualifizieren, auf allen Ebenen mitgestalten dürfen. Das geht mit dem UOG 2002 gänzlich verloren.
Es wird immer wieder behauptet, dass die Universitäten ihre Probleme am besten selbst lösen können. Ist es nicht notwendig, dass die Universitäten ihre Position zur Gesellschaft definiert und festlegt, welche gesellschaftlichen Kräfte Einfluss auf sie ausüben dürfen?
Es ist so, dass das bisherige Uni-Modell, in dem über Jahrzehnte die Verwaltung in der Hand des Ministeriums lag, nicht mehr überzeugt. Es ist so gewesen, dass man/frau eine Audienz bei dem/der MinisterIn benötigte, um zum/zur ProfessorIn berufen zu werden. Die Behauptung, dass autonome Universitäten ihre Probleme am besten lösen könnten, geht allerdings an der Tatsache vorbei, dass Universitäten Geld kosten.
Kommen die Sponsoren nur aus der Wirtschaft, so wird nur die Forschung gefördert, die sich finanziell verwerten lässt. Die Hochschulautonomie ist eine schwierige Balance zwischen den Erfordernissen der Gesellschaftspolitik, der Arbeitsmarktpolitik und der Wissenschaftsentwicklung.
Wie verhält sich das UOG 2002 zur Frauenquote? Da Frauen in den letzen 15 Jahren vermehrt Chancen bekamen, ist hier die Quote vor allem in den Eingangspositionen gestiegen. Diese Posten sind aber nach dem neuen Gesetz am meisten gefährdet. Weiters können Frauen durch die reduzierte Mitbestimmung an der Basis und im Mittelbau viel weniger Einfluss nehmen, da die Spitzenpositionen in der Universität noch immer eine Männerdomäne sind. Das wäre nicht der Fall, wenn die Spitzen von den Institutskonferenzen abhängig wären. Wie laufen die Proteste gegen das neue Universitätsgesetz? Die Proteste laufen nicht erfolgreich. Am 24. Mai wurde eine erfolgreiche Protestveranstaltung organisiert, vor allem weil die Gewerkschaft und die HochschülerInnenschaft zusammen mobilisierten und klare Positionen bezogen. Danach organisierten Studierende Protestaktionen und waren stark daran interessiert, den Protest weiterzuführen. Die Gewerkschaft ist allerdings auf der Agitationsebene vollkommen von der Bildfläche verschwunden.
Es gibt zwar noch immer Gespräche von SpitzengewerkschafterInnen auf parlamentarischer Ebene und einen Streikbeschluss im Zentralausschuss, aber es wurde vollkommen verabsäumt die Basis durch Information zu mobilisieren, um diesem Beschluss auch durchzusetzen.
Das alte österreichische Gewerkschaftsmodell, das noch immer auf den Konsens Sozialpartnerschaft setzt, erleidet - das sagen sogar Gewerkschafter - hier eine Niederlage, weil die Regierung auf Konfrontation setzt. Allem Anschein nach verläuft der radikale Umbau der österreichischen Hochschullandschaft durch das UG2002 kurz und schmerzhaft. Im Vorfeld der Beratungen über das Gesetz kam es zwar zu einer Abschwächung des weitgehend hierarchisch- autokratischen Modells.
Im Kern bleibt die Abschaffung der Mitbestimmung und ein Rückfall hinter die Ordinarienuniversität, in der wenigstens diese Personengruppe die Universität kooperativ gestalten konnte. Der Widerstand ist verschwindend gering. Ein Desaster. |